Montag, 18. November 2019

Chernobyl, what is the cost of lies? Faktologische Analyse

Quelle: Amazon.de

HBOs Miniserie Chernobyl, von IMDb mit 9.5/10 Punkten bewertet, wird für ihre Authentizität gefeiert und wurde von den Zuschauern mit Begeisterung empfangen.
Doch wie viel Wahrheit steckt in diesem Meisterwerk und worin liegen diese Lügen, von den man auf dem Titelbild liest? 
Das werde ich im Folgenden erläutern. Dabei werde ich die stilistischen Mittel und Details, die der Dramaturgie dienen, außer Acht lassen und versuche bei den faktischen Verfehlungen zu bleiben. Den Großteil frei erfundener Szenen wie die gesamte Linie der Protagonistin Uljana Khomyuk sowie die letzte Episode, werde ich ebenfalls ignorieren.



Uljana Khomyuk, die erfundene Dissidentin aus Minsk Quelle: HBO

Die Quellen der Macher


Zunächst ist es wichtig zu wissen, was die Macher der Serie als Quellen für das Drehbuch herangezogen haben.

Die erste sind die Tonbandaufzeichnungen von Waleri Legassow, die der Wissenschaftler in der ersten Folge aufnimmt und versteckt. Auszüge daraus werde ich in diesem Artikel zitieren. Tatsächlich hat der Chemiker und Mitglied des Untersuchungskomitees für den Reaktorunfall in Tschernobyl diese Kassetten aufgenommen. Das Transkript dazu ist in den Quellen angegeben. Es umfasst ca. 80 Seiten und ist auf russisch. Wer interessiert ist, kann sich in heutiger Zeit aber einfach helfen lassen. Allerdings hat er sie nicht irgendwo versteckt. Diese Aufnahmen machte er für den Journalisten Vladimir Gubarev , weil es für ihn einfach angenehmer war in seiner Freizeit seine Erinnerungen zu dokumentieren, statt ein Interview zu geben. Nach diesen Tonbändern wurde ein Artikel in der Zeitschrift "Kommunist", bei einer Auflage von 600.000 Exemplaren veröffentlicht.
Swetlana Alexijewitsch, die echte Dissidentin
 aus Minsk Quelle Wikipedia


Die zweite - ist das Buch der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft". Berühmt wurde sie unter anderem durch ihr Buch "Zinkjungen" . Darin behandelt sie die Militärintervention der UdSSR in Afghanistan. Dabei wurde sie von den tatsächlichen Konfliktteilnehmern heftig kritisiert, was den Wahrheitsgehalt angeht. 
Wie sich zeigen wird, sind die Darstellungen im Buch über Tschernobyl ebenso vielfach falsch.
Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei den Werken dieser Autorin um Literatur handelt. Es ist Prosa ohne den Anspruch auf dokumentalistische Korrektheit, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird.





Desweiteren werden nicht weiter benannte Dokumente und Zeugen als Quellen angegeben.


Faktologie


Zunächst ein wenig Hintergrundwissen

Ein Ingenieur ist kein Atomphysiker. Ich habe allerdings in meiner Schulzeit im Physik-Leistungskurs (dank einem guten Lehrer) Atom- und Kernphysik recht intensiv behandelt und eine Arbeit über Strahlenschäden geschrieben. Darüber hinaus war ich bei der Bundeswehr auf ABC-Großereignisse spezialisiert, daher hatte ich einige Berührungspunkte mit diesem Thema lange vor Erscheinen dieser Serie.

In der Serie wird die Einheit "Röntgen" benutzt. Es handelt sich dabei um die Dosis ionisierender Strahlung, ausgehend von Gamma- und Röntgenstrahlung. Entsprechend wird die Dosisleistung in Röntgen pro Stunde angegeben. Also ist die aufgenommene Ionendosis abhängig von der Dosisleistung der Quelle und der Zeit, über die man der Strahlung ausgesetzt wird. Daher also die kurzen Einsatzzeiten der Soldaten, die das Dach freigeräumt hatten.
Bei der Bundeswehr verwendet man heute die Einheit CentiGrey (cGy) für die aufgenommene Strahlendosis im Falle einer Nuklearkatastrophe. Ein cGy entspricht einem Röntgen (auch rem, auch rad).

Die Einheit für die Aktivität einer Menge einer radioaktiven Substanz ist Bequerel (Bq=1/s). Diese gibt die mittlere Anzahl der Atomkerne an, die pro Sekunde zerfallen. Da diese Zahlen sehr groß werden, werden sie mit einem Vorfaktor angegeben, hier Peta (1 E15), also PBq.

Dosen zur Orientierung:

ab 10 cGy -          stochastische Effekte, Wahrscheinlichkeit 1 E-4 steigt das Risiko von Spätfolgen 
bis 50 cGy -          keine Einschränkungen
50 bis 150 cGy -   leichte Beeinträchtigung, Kopfschmerzen, erhöhtes Infektionsrisiko
150 bis 300 cGy - leichte Strahlenkrankheit, Übelkeit, Ermüdung
300 bis 400 cGy - schwere Strahlenkrankheit, Blutungen im Mund, 50% Todesfälle nach 30 Tagen
400 bis 600 cGy - akute Strahlenkrankheit, 60% Todesfälle nach 30 Tagen, massive          medizinische Versorgung nötig.
ab 600 cGy -        akute Strahlenkrankheit, 100% Todesfälle nach spätestens 14 Tagen

über 5000 cGy -  sofortige Desorientierung, Tod in wenigen Stunden
über 8000 cGy -  sofortiger Tod

Die Luft schmeckt nach Blei

Nein, ganz einfach. Strahlung schmeckt man nicht, man sieht sie nicht, man riecht sie nicht. Genau das macht sie so gefährlich.

Der Alkoholmissbrauch

Niemandem wird entfallen sein, dass in der Serie permanent gesoffen wird. Vielleicht fällt es einem nicht mehr so auf, weil man durch die übertriebene Darstellung sich einfach daran gewöhnt. Seien es die Bergarbeiter, die in ihrer Mittagspause sich zusaufen oder die Parteimitglieder und Beamten, die jede Gelegenheit nutzen einen zu heben oder die Soldaten, die .... einfach immer saufen. Aber was wären denn die Russen, wenn sie sich gerade nicht besaufen?
Tatsächlich war es 1986 nicht so einfach an Wodka zu kommen, da in der Sowjetunion das "trockene Gesetz" in Kraft war. Dadurch wurde die Produktion alkoholischer Getränke stark reduziert. Alkohol war nur in einer kurzen Zeitspanne im Laufe des Tages käuflich und pro Kopf beschränkt. Betrunkene auf der Straße konnten verhaftet werden und verbrachten den Rest des Tages in der Ausnüchterungszelle.
Daher konnte Wodka nicht LKW-weise zu den Liquidatoren gebracht werden und Sie dort nach Lust und Laune trinken (besonders nicht in der totalitären UdSSR, wo man für jedes Vergehen standrechtlich erschossen wurde, wenn man Hollywood glaubt).
Die Ausrede, Alkohol wurde getrunken, weil es vor Radioaktivität schützt, gilt auch nicht. Ist man radioaktiver Strahlung bereits ausgesetzt, greifen die Effekte, die die Auswirkung der Strahlung blockieren sollen, nicht. Desweiteren schwächt Alkohol das Immunsystem, was die Wirkung der Belastung noch gefährlicher macht.
Versuchen Sie doch einfach ein Glas Wodka vor der Arbeit zu trinken und schauen Sie, wie sich der Tag entwickelt.
Diese Darstellung ist nicht nur unlogisch, sondern widerspricht auch den Berichten der Beteiligten.

Brücke des Todes

"Brücke des Todes" und die blaue Lichtsäule (laut Serie Tscherenkow-Strahlung) Quelle: HBO

Auf der Brücke bestaunen schaulustige Stadtbewohner das brennende Kraftwerk. Sie reden miteinander, trinken Wodka, die Kinder spielen und radioaktive Asche rieselt nieder, wie Schnee im Januar. 
Diese Bezeichnung für diese Brücke gibt es tatsächlich. Doch nannte man sie so nicht wegen der Ereignisse in Tschernobyl, sondern wegen eines Motorradunfalls lange vor der Katastrophe. Eine Stadtlegende.
Für die Darstellung in der Serie gibt es keinerlei Überlieferungen außer von Swetlana Alexijewitsch. Um diese Uhrzeit lagen die meisten Menschen im Bett. Die Kinder mussten am nächsten Tag zur Schule. Und die Explosion war in Prypjat nicht hörbar. Schwarze Rauchwolken gab es über dem Kraftwerk ebenfalls nicht, hauptsächlich Wasserdampf. Das sieht man in allen Videoaufzeichnungen, die kurz nach dem Unfall gemacht wurden.

Tscherenkowstrahlung

Von der Brücke des Todes beobachten die Menschen eine blaue Lichtsäule, die aus dem Reaktor in den Himmel ragt. Diese wird in der Serie explizit als Tscherenkowstrahlung benannt. Das Problem dabei ist, dass der Tscherenkoweffekt nur entstehen kann, wenn sich Teilchen (z. B. Elektronen) in einem Medium schneller bewegen als elektromagnetische Wellen (Licht). Da die Geschwindigkeit elektromagnetischer Wellen in Luft nahezu identisch (0,28% Unterschied) mit der im Vakuum ist und Teilchen durch relativistische Massenzunahme diese nicht erreichen können, muss das in einem optisch dichterem Medium stattfinden, wie z.B. in Wasser. Selbst wenn man diesen Effekt durch den Wasserdampf über dem Explosionsherd annimmt, wäre er nur mit speziellen Detektoren nachweisbar und garantiert nicht sichtbar.

Die Stadt abriegeln, die Telefonverbindungen kappen

Während einer Versammlung des örtlichen Parteiapparats hält ein alter Mann eine Rede und trägt auf, die Stadt abzuriegeln. Tatsächlich wurden die Telefonverbindungen in keiner Weise eingeschränkt. Es gibt überhaupte keine Überlieferungen, die diese These stützen. Was die Möglichkeit des selbstständigen Verlassens der Stadt angeht, äußert sich Legassow dazu so:
"Einzelne Misstände und Ungenauigkeiten hat es leider gegeben. Zum Beispiel haben sich einzelne Gruppen der Bürger mit der Bitte, sich selbst mit privaten Fahrzeugen zu evakuieren, an die Regierung gewandt. Von diesen Bürgern gab es in der Stadt einige Tausend. Nach einiger Überlegung wurde dies erlaubt. Obwohl das vermutlich falsch war, weil ein Teil dieser Fahrzeuge kontaminiert waren und die Kontrollposten der Dosimetristen erst später eingerichtet wurden. Auf diese Weise haben die Gegenstände, die die Menschen mit sich nahmen (...) die Kontamination auch außerhalb von Prypjat verbreitet."

Legassow und Scherbina im Hubschrauber

In der HBO Serie fliegen Valerij Legassow und Boris Scherbina im Hubschrauber nach Prypjat (aus Moskau? 800km mit dem Hubschrauber?). Legassow soll erklären, wie ein Kernkraftwerk funktioniert, bei Verweigerung wird im gedroht aus dem Hubschrauber geworfen zu werden. 

Scherbina war Ingenieur und wusste, wie ein Kernkraftwerk grundlegend funktioniert. Über diesen Flug erzählt Legassow: 
"Ich versuchte Boris Evdokimowitsch den Unfall im Kraftwerk Three Mile Island, der sich 1979 in den USA ereignete zu erklären. Im zu zeigen, dass höchstwahrscheinlich die Ursache für die Havarie dort keinen Bezug zum Vorfall in Tschernobyl hat, da es sich um Apparate prinzipiell unterschiedlicher Konstruktion handelt. Bei diesen Gesprächen verlief unser einstündiger Flug. In Kiew, als wir aus dem Flugzeug ausstiegen, war das erste, das mir Auffiel, die Kavalkade schwarzer Regierungsfahrzeuge..."

Sondierung der Lage durch die ABC-Truppe

Abschirmung am Fahrzeug in der Serie Quelle: HBO
In der zweiten Folge wird die ABC-Abwehr zur Ermittlung der Stralungsleistung herangezogen unter Leitung des Generals Pikalow. Man soll möglichst nah an den Strahlungsherd heranfahren. Legassow empfiehlt den möglichst machbaren Schutz bereitzustellen. Die Spezialisten im Meisterwerk von HBO verkleiden daraufhin die halbe Kabine eines LKW mit Alufolie




ABC-Panzerfahrzeug in Tschernobyl (https://www.infpol.ru/)


In der Realität wurde dafür ein Panzerfahrzeug der ABC-Abwehrtruppe verwendet. Die Messungen im Fahrzeug wurden von Waleri Legassow selbst durchgeführt. So schildert er seine Erinnerungen:
"...Da es notwendig war, es schnell und genau festzustellen, wurde der erste Versuch mit dem militärischen Panzerfahrzeug unternommen. Dieses gehörte der ABC-Truppe... ich musste selbst mich mit diesem Panzerfahrzeug dem Reaktor nähern... "








Hubschrauberabsturz



In der Serie sehen wir eine der ersten Aktionen Scherbinas am 27. April 1986, die Entsendung der Hubschrauber über das rauchende Kraftwerk. Ein Hubschrauber verliert den Funkkontakt und stürzt bei der Kollision mit einem Baukran ab. 
Es gab tatsächliche einen Hubschrauberabsturz, doch es passierte am 2. Oktober 1968. Der Unfall hatte nichts zu tun mit erhöhter Strahlung, Abbruch des Funkkontakts oder dem Umstand, dass der Pilot trotz einer absehbaren Gefahr dort einfach reingeschickt wurde. Der Kran stand dort wegen der Aufräummaßnahmen und konnte im April dort nicht stehen, denn das Kraftwerk befand sich nicht im Bau.





Evakuierung

Da dieser Punkt im Bezug auf die Lügen eine zentrale Rolle einnimmt und Legassow und seine Aufzeichnungen hier ebenfalls im Mittelpunkt stehen, werde ich hier hauptsächlich Legassow selbst zitieren.


Bei seiner Ankunft stellt der Chemiker fest: "Die Umstände der Radioaktivität in Prypjat unterschieden sich wesentlich von normalen, doch stellten keine wesentliche Bedrohung der Strahlenbelastung dar für die Menschen, die sich in der Stadt befanden."


Der echte Waleri Legassow bei der Arbeit in Tschernobyl


Nachdem die Lage geklärt, die ersten Maßnahmen beschlossen und die Aufgaben verteilt wurden, ging es um die Organisation der Evakuierung. Legassow erinnert sich folgendermaßen: 

"Sofort nach dem Beschluss den vierten Block abzukühlen wurde die Frage nach der Stadt Prypjat aufgenommen. Am Abend des 26. April war die Situation um die Strahlung noch einigermaßen günstig. Gemessen wurden von Miliröntgen pro Stunde bis maximal einiger Centiröntgen pro Stunde. Natürlich keine gesunden Umstände, aber es ließ noch einige Überlegungen zu.
Bei diesen Bedingungen einerseits und wiederholenden Messungen, andererseits, war die Medizin durch Regelungen beschränkt, die besagten, dass die Evakuierung begonnen werden sollte wenn für die Bevölkerung eine Gefahr droht 25 Röntgen pro Person über die gesamte Zeit der Verweilens in der Zone zu absorbieren und unbedingt durchgeführt werden musste, wenn die Bedrohung 75 Röntgen zu bekommen bestand. Im Intervall zwischen 25 und 75 Röntgen hatten die örtlichen Behörden die Befugnis eine Entscheidung zu fällen. Unter diesen Umständen wurde die Diskussion geführt. Hier muss ich aber sagen, dass die Physiker, besonders Viktor Alexeevitsch Sidorenko, der ahnte, dass die Dynamik sich ungünstig entfalten wird, darauf bestanden, dass eine Evakuierung unbedingt durchgeführt werden soll. Heißt also, dass die Mediziner dem wohl nachgegeben haben und am 26. April um 22 oder 23 Uhr hat Boris Alexeevitsch (Scherbina), nachdem er unsere Diskussion gehört hat, beschlossen eine Evakuierung umgehend durchzuführen.
Danach haben Vertreter der Ukraine, Genosse Pljutsch und Genosse Nikolaev begonnen die unverzügliche Evakuierung der Stadt am nächsten Tag vorzubereiten. Das war keine einfache Prozedur, man musste die notwendige Menge Fahrzeuge organisieren. Diese wurden aus Kiew beordert. Man musste die Routen klären, über die die Bevölkerung transportiert wird. General Bedrov organisierte die Planung der Routen und die Informierung der Bevölkerung. ... Uns wurde um 11 Uhr morgens bereits mitgeteilt, dass die Stadt schon um 14 Uhr evakuiert wird."


Legassow in der TV-Serie Quelle: HBO
In der Serie wird permanent darauf hingewiesen, dass Legassow auf die Evakuierung drängt und niemand auf ihn hören will. Wie er selbst das sieht, haben Sie gerade gelesen. Fakt ist, dass sobald das Ausmaß einigermaßen klar war, wurde die Evakuierung beschlossen und organisiert. Die Explosion fand am 26.04.1986 um ca 1:30 statt. 36,5 Stunden später wurden 49.360 Menschen organisiert aus der Stadt gebracht und untergebracht. Vom Entschluss bis zur Durchführung vergingen gerade mal 15 Stunden. Diese Leistung ist in der Menschheitsgeschichte beispiellos. Das konnte nur wegen der Professionalität der Menschen und den Möglichkeiten, die das System bereitstellte so gut funktionieren.

Die Serie kritisiert, dass man den Menschen vorher nichts erzählt hat und besonders, dass man ihnen sagte, sie können bald zurückkehren. Das hat zum einen den Grund, dass man anfangs die Lage nicht genau bewerten konnte, weil die nötigen Daten fehlten und erst ermittelt werden mussten und zum anderen um die Menschen nicht unnötig zu verunsichern und zu vermeiden, dass sie ihr ganzes Hab und Gut in die Busse mitnehmen wollen. Es war die richtige Entscheidung keine Panik zu verbreiten.
Wir erinnern uns, Legassow hatte im Flugzeug Scherbina vom Unfall in Three Mile Island erzählt. Dort starben 17 Menschen durch eine Massenpanik beim Verlassen der Stadt und anschließend wurden 3 Jahre lang keine Maßnahmen ergriffen die Folgen der Kernschmelze zu beseitigen.
Bei der Katastrophe in Fukushima mussten fast 1000 Menschen ihr Leben lassen, weil dort ebenfalls durch Panik und mangelnde Organisation kein geregeltes Verlassen des Unfallortes möglich war, die Evakuierung dauerte 3 Tage. In Tschernobyl gab es diesbezüglich keinen einzigen Todesfall.


Wenn wir den schlimmsten Fall nach Legassows Schilderung annehmen und nachrechnen, welcher Strahlendosis die Bürger der Stadt ausgesetzt waren, kommen wir zu Folgendem:

"bis maximal einiger Centiröntgen pro Stunde" - also max. 10crem/h = 0,1cGy/h
Zeit zwischen Explosion und Evakuierung - 36,5 h

Strahlendosis 0,1cGy/h * 36,5h = 3,65cGy

Dieser Wert liegt innerhalb der von der internationalen Strahlenschutzkommission ICRP zugelassenen Dosis für berufliche Exploration. Der Bericht aus dem Jahr 2007 empfiehlt die "Festlegung, dass die effektive Dosis 50 mSv (=5cGy bei einem Wichtungsfaktor von 1) in jedem einzelnen Jahr nicht überschreiten sollte."
Das liegt weit unterhalb des Wertes für stochastische Schäden und erhöht nicht einmal die Wahrscheinlichkeit des Risikos einer Folgeerkrankung.

Die drei Taucher

Ebenfalls in Folge 2 wird ein neues Problem aufgeworfen, das einer Lösung bedarf. In den Tanks unter dem Reaktorblock haben sich 7000m³ Wasser angesammelt. Im Falle des Kontaktes mit dem geschmolzenem Inhalt im Reaktor kann es zu einer Wasserdampfexplosion kommen, die sich in ca. 2 Tagen ereignen soll. Nach Abschätzung der ausgedachten Figur Khomyuk wird die Sprengkraft der Explosion zwischen 2 und 4 Megatonnen betragen.

Sollen diese Zahlen von den Machern der Serie bewusst gewählt worden sein, gehe ich davon aus, dass die Protagonistin mit irgendeiner Absicht lügt, denn eine Physikerin kann sie demnach nicht sein.

Ausgehend vom optimistischen Szenario, das die Atomphysikerin uns anbietet beziehe ich mich nun auf die Arbeit zu Dampfexplosionen von Ulrich Schumann vom Institut für Reaktorentwicklung in Karlsruhe. Wählt man nun die ungünstigsten Bedingungen für das vorliegende System, also betrachten wir die gesamte innere Energie bei Maximaltemperaturen einer Kernschmelze, der vollständigen Bestückung der Brennelemente und der Bedingung, dass der Brennstoff augenblicklich in den Wassertank gelangt, erhalten wir eine Gesamtenergie des Systems von:

219.412kgUO2*(63,6J/kgK*3123K+31,9[mH2O/mUO2]*4184J/kgK*293K)=8,624GJ*

*da mir thermodynamische Tabellen für Uranoxid fehlen, kann die Rechnung einen Fehler von bis zu 2% aufweisen

Eine 2 Megatonnen-Explosion im TNT-Äquivalent hat eine Energie von 8,368PJ. Damit haben wir in diesem selbst theoretisch unmöglichem Szenario, da an einer Explosion nur der Energieanteil der mechanischen Arbeit beteiligt ist, einen Fehlerfaktor von 1000


Professor Legassow erhält buchstäblich die Zusage 3 Menschen töten zu dürfen.
Die drei Industrietaucher Alexej Ananenko, Valerij Bespalov und Boris Baranov werden in den Kraftwerksblock reingeschickt um die Ventile zu öffnen und den Wasserablauf aus dem unteren Reaktorbereich zu ermöglichen. Laut Khomyuk sollen diese eine Woche nach ihrem Einsatz sterben.
Tatsächlich leben zwei der Männer bis heute. Lediglich Boris Baranov starb 2005 im Alter von 65 Jahren ohne dokumentierten Zusammenhang mit der Atomkatastrophe. Die Aufgenommene Strahlendosis wurde parallel in Brust- und Hüfthöhe gemessen.
Bescheinigung über aufgenommene Strahlendosis für Alexej Ananenko (81 rad)

Die Männer waren nicht zum ersten mal im Kraftwerksblock, wussten, was sie zu tun hatten, wurden genau angewiesen und machten einfach gewissenhaft ihre Arbeit. Davon erzählt Alexej Ananenko ausführlich in einem Interview.

Während die Männer in der Serie sich im Reaktorblock befinden, fallen, offenbar durch die Strahlung, ihre Taschenlampen aus. Ich weiß ehrlich nicht, wie hoch die Strahlung sein muss, damit eine Taschenlampe den Dienst quittiert und warum unter diesen Umständen die Menschen noch am Leben sind oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass mehrere Taschenlampen unabhängig, gleichzeitig ausgehen. Das ist frei erfunden. 

Als die Taucher Ihren Einsatzort verlassen, werden sie begrüßt und mit einer Flasche Wodka empfangen. Das ist ebenfalls undenkbar, denn  für das Ablegen kontaminierter Ausrüstung gibt es ein striktes Protokoll. Und auch diesbezüglich äußert sich Herr Ananenko im Interview.

Der Einsatz der Bergleute

Um das Eindringen des Reaktorinhalts ins Grundwasser zu vermeiden soll unterhalb Des Kraftwerksblocks ein Tunnel ausgehoben werden und eine entsprechende Sperre errichtet werden. Dafür werden Bergleute aus Tula herangezogen. Soweit stimmt die Geschichte.
Den in der Serie gezeigten Prozess, wie sie nach Tschernobyl kamen, werde ich aufgrund der Debilität der Szene und nicht vorhandener Dokumentation, nicht weiter beleuchten.
Bergleute im Tunnel unter dem Reaktor
In der Serie wird diese Maßnahme beschlossen, weil Legassow behauptet, dass der Brennstoff mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit durchdringen kann und das Grundwasser der gesamten Ukraine verseuchen würde. 
Der echte Legassow sagt dazu:
"Die Wahrscheinlichkeit für dieses Ereignis war außerordentlich gering, dennoch hat Evgenij Pavlovotsch Velihov darauf bestanden, dass 21 untere Schichten der Fundamentplatte des Reaktors errichtet werden. Daran haben sehr aktiv die Bergleute unter Führung Ihres Ministers gearbeitet, welcher auch sehr aktiv und waghalsig dort arbeitete.
Das ganze wurde in kürzester Zeit konstruiert und errichtet, war aber nutzlos, da kein bisschen Treibstoff dorthin durchgesickert ist und auch nicht gekühlt werden musste."

Bergleute in der Serie "Chernobyl" Quelle:HBO
Der Gipfel der Idiotie wird erreicht, als die Bergmänner vollkommen nackt arbeiten, nur mit Mützchen bekleidet. Das hat es natürlich nicht gegeben. Es ist nicht nur erfunden, es entzieht sich jeglicher Logik. Ohne Unterhose zu arbeiten trägt nicht nur dazu bei, dass es merkbar kühler wird, es ist schlichtweg unbequem und erhöht unnötig das Verletzungsrisiko.




Was bleibt für die Wirklichkeit?

Wenn man über die Art der Darstellung hinweg sieht, bleiben noch einige Episoden, die vom Standpunkt grundlegender Fakten der Realität entsprechen. 
So hat man tatsächlich angefangen sowjetische Mondfahrzeuge für die Räumungsarbeiten einzusetzen und hat einen Westdeutschen Polizeiroboter gekauft, welcher aufgrund eines sofortigen Ausfalls leider nicht genutzt werden konnte. Das Einsatzspektrum der Roboter war insgesamt auch sehr begrenzt, daher war es absehbar, dass Menschen diese Arbeit erledigen mussten.
Soldaten räumten das Dach von Graphitbrocken und arbeiteten dabei zwischen 12 und 90 Sekunden, bedingt durch die hohe Strahlungsleistung einzelner Abschnitte. Die Ansprache des General Tarakanow wurde exakt wiedergeben.
Und die Flagge wurde nach Beendigung der Arbeiten auf dem Turm gehisst, was eine unnötige und leichtsinnige Maßnahme gewesen ist. 

Außmaß der Katastrophe im historischen und natürlichen Vergleich


Hier ein Vergleich Freigesetzter Radioaktivität durch Caesium 137 bei unterschiedlichen Ereignissen:

Tschernobyl 100 PBq
Fukushima 10-50 PBq atmosphärisch + 4-40 PBq in den Ozean
Atomwaffentests 1950er und 60er Jahre 950 PBq

Natürliche Radioaktivität:
Uran 238                         37.000 PBq
Kalium 40                        15.000.000 PBq


Randnotiz

Über die Katastrophe in Tschernobyl weiß jeder Bescheid. Und jeder in Europa erfuhr davon spätestens nachdem am 28. April die Wissenschaftler am schwedischen Kernkraftwerk Forsmark erhöhte Strahlung feststellten und diese auf Tschernobyl zurückführten. 
Sofort wurde eine mediale Panik entfesselt. In der Bundesrepublik wurden Empfehlungen zum Unterpflügen von Feldfrüchten oder zum Sperren von Kinderspielplätzen gegeben.

Was die meisten aber nicht erfuhren, ist dass es am 4. Mai 1986 einen Meldepflichtigen Vorfall im Kernkraftwerk Hamm-Uentrop gab, bei welchem radioaktives Aerosol in die Atmosphäre ausgestoßen wurde. Über das Ausmaß dieser Emission gibt es keine gesicherten Daten, da die Erfassung zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht korrekt durchgeführt worden ist. 

Opferzahlen

Das Interview des Drehbuchautors Craig Mazin für die Journalisten des Portals VICE wird mit Tausenden bis 1,4 Mio Todeszahlen eingeleitet.
Dazu gibt es einen Bericht von UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung von 2008.


Dieser liefert ganz andere Zahlen.

Akute Strahlenkrankheit - 134 Personen
davon tödlich - 28 Personen
Todesfälle aufgrund von Schilddrüsenkrebs - 15 
Todesfälle insgesamt - 173

Insgesamt haben laut dem UNSCEAR-Bericht 226.242 Liquidatoren in den Jahren 1986-1987 eine Strahlendosis von durchschnittlich 6,2 cSv pro Person aufgenommen (unterhalb des Wertes für stochastische Effekte).

Was wollten uns die Autoren sagen?

Craig Mazin erhält Ammy Award für "Chernobyl"
Quelle: Hollywood Reporter
Der Drehbuchautor Craig Mazin offenbart im Interview dem Portal VICE deutlich seine Motive. Während er sagt, dass die Ereignisse von Tschernobyl nicht "ins gesellschaftliche Bewusstsein der USA durchgedrungen" sind, legt er die hauptsächliche Zielgruppe fest. Weiter spricht er auch vom "Westen" als Auditorium. Dass die Serien von HBO weltweit gesehen und gefeiert werden, ist bekannt und haben dadurch einen großen Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein. 

Dem Autor geht es nicht, wie er so oft sagt um die Heldentaten der Liquidatoren, die er dumm, inkompetent und unmoralisch darstellt, was zeitgenössische Quellen widerlegen. Er sagt es direkt:
"Bei Chernobyl geht es im Kern um die Frage, was passiert, wenn wir uns von der Wahrheit abwenden. Lügen spielten in der Sowjetunion eine gigantische Rolle. Lügen wurden dort zu einer Kunst. Man belog sich gegenseitig, man belog die Menschen über einem, man belog die Menschen unter einem. Sie taten es aus einer Art Selbsterhaltungstrieb. Irgendwann wurden Lügen zur Norm und die Wahrheit hatte keinen Wert mehr. Wenn sie doch mal ihren Kopf rausstreckte, wurde sie sofort angegriffen. "

Seine Vorstellung von der Sowjetunion:
"1986 hatten die Menschen in der Sowjetunion fast ein Jahrhundert Mühsal, Elend, Krieg und Hunger hinter sich."

Im Interview für Slate behauptet er:
"Die Dichotomie ist, dass das sowjetische System schrecklich, kriminell, mörderisch und unterdrückerisch war."

Mazin erklärt uns, "dass der Bösewicht in dieser Geschichte das sowjetische System ist".  Mit dieser Aussage macht er deutlich, worum es in seiner Serie geht. Sie handelt nicht von einer Atomkatastrophe und den Menschen, die aufopferungsvoll sich der Herausforderung stellten. Es geht hier um ein Gespenst. Das Gespenst des Kommunismus.

Wenn er sagt, "dass wir im Westen den Alltag und das Leben der sowjetischen Bürgerinnen und Bürger während des kalten Krieges nie wirklich verstanden haben", und meint zu dem Verständnis beigetragen zu haben, belügt er sich selbst. Er hat es nicht im Ansatz verstanden. 
Seine Figuren handeln aus Angst, unfreiwillig, für den persönlichen Vorteil, nehmen den Schaden anderer Menschen zynisch in Kauf. Die Realität sah anders aus. Ich kenne persönlich Menschen, die sich freiwillig meldeten bei den Beseitigungsmaßnahmen mitzuhelfen, weil es eine wichtige Aufgabe war, die erledigt werden musste, zum Wohle der Menschheit. Das Motto war nicht, "warum ich" und "was bekomme ich dafür", sondern "wer, wenn nicht wir?"


Was ist denn nun der Preis der Lügen?


Als ich von der Serie zuerst hörte, war ich sehr interessiert. Und auch, dass sie so gut bewertet war und Dokumentalistik für sich beanspruchte, weckte in mir Hoffnung etwas sehenswertes anzuschauen, das die Menschen, die die Folgen der Katastrophe beseitigten würdigt und eine historische Episode korrekt und unterhaltsam wiedergibt. Die Ernüchterung stellte sich in den ersten Minuten ein. Entsetzen war mein Zustand nach der ersten Folge.
Und Besorgnis packte mich, als ich vielfach Kommentare zur Serie laß, die lauteten: "Das muss man im Geschichtsunterricht zeigen."

Menschen, die tatsächlich heldenhaft, freiwillig und professionell eine unwahrscheinlich schwierige Situation gemeistert haben und teilweise ihr Leben dafür gegeben haben, bekommen einen Rotz direkt ins Gesicht. Sie werden auf übelste Weise karikiert und verfälscht.

Doch nicht nur Geschichte wird hier aus offensichtlich politischen und ideologischen Gründen verzerrt dargestellt. Craig Mazin behauptet die Wissenschaft zu respektieren und schreibt dabei Szenen, die physikalisch grob fehlerhaft sind. Das ganze dient nur der überzogenen Dramaturgie und Propaganda. Er selbst sagt, "Wenn du die wissenschaftlichen Grundlagen einer Geschichte nicht verstehst, bei der Wissenschaft eine Rolle spielt, dann solltest du darüber nicht schreiben. So sehe ich das."
Erinnern Sie sich an die Szene, in der die Taschenlampen der Industrietaucher ausgehen. Hier möchte ich die Serie frei zitieren: "Mazin, sind Sie debil? Warum können Sie mir nicht erklären, wie eine Taschenlampe durch Strahlung ausfällt?"

Nein, hier wird nicht von Tschernobyl, den Unfallfolgen und ihrer Beseitigung erzählt. De te fabula narratur. Es sind typische Figuren eines amerikanischen Films ohne jeglichen Bezug zur historischen Wirklichkeit und der Berücksichtigung der sowjetischen Realität. Es ist ein Propagandafilm für Menschen, die sich nicht mit Fakten befassen wollen. Sie haben es gesehen und viele werden glauben, dass alles genauso passiert ist.

Durch diese Art von Propaganda glaubt ein großer Teil der ukrainischen Bevölkerung an den Holodomor, eine bewusst Herbeigeführte Hungesrsnot in der Ukraine mit dem Zweck die ukrainische Bevölkerung auszurotten. Diese These wird auf Regierungsebene vertreten. Dafür gibt es weder eine faktische Basis, noch erscheint es unter objektiver Betrachtung logisch. Das Narrativ besagt, die Sowjetführung tat das, weil sie bösartig war. Was bleibt ist durch Manipulationen herbeigeführter Hass auf die Sowjetunion, Russland und die Russen. Genauso werden alle Handlungsstränge der HBO-Serie argumentiert.

Das tückische hierbei ist, dass es falsch dargestellte Ereignisse in einem realen historischen Kontext sind. Und Halbwahrheiten sind viel gefährlicher als reine Lügen.


Quellen:

Niederschrift der Aufzeichnungen Legassows(5 Kassetten, russisch, aus dem Archiv der Generalstaatsanwaltschaft der RF)

Vladimir Petrov, Dr. Chemie, Dozent Radiochemie Lomonossov Universität Moskau, Vortrag

Prof. Dr. Vladimir Asmolow, Berater des Generaldirektors ROSATOM, Wissenschaftlicher Leiter beim Bau des Sarkophags in Tschernobyl, Interview

Nikolai Solovjov, Schichtleiter bei der Weiterverarbeitung flüßiger radioaktiver Abfälle, Interview

Bericht UNSCEAR Wissenschaftlicher Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (vollständige Berichte frei zum Download)

Die Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission(ICRP) von 2007

Interview des Drehbuchautors Craig Mazin mit vice.com

Craig Mazin Interview slate.com

Vortrag zum Vorfall, tech Seminar am Deutschen Elektronensynchrotron DESY

Meldepflichtiger Vorfall Reaktor Hamm Uentrop (Wikipedia)

Dampfexplosion - physikalische Grundlagen und Bezug zur Reaktorsicherheit von U. Schuhman, Institut für Reaktorentwicklung, Kernforschungszentrum Karlsruhe

Vorträge des Historikers Klim Alexandrowitsch Zhukov (russisch)

Buch "Boris Scherbina" V. Andrijanov, V. Tschirskov

Weitere Interviews mehrerer Liquidatoren (russisch)


Post scriptum:

Da der Artikel schon viel zu lang wurde und nur die wesentlichen faktischen Fehler aufgezeigt werden konnten, es außerdem noch eine Menge ungenutztes Dokumentarmaterial gibt, beabsichtige ich mich demnächst den propagandistischen Mitteln (die Hauptbestandteil der ganzen Serie sind) direkt zu widmen. Denn jede Abweichung in der Darstellung realer, dokumentierter Szenen ist dramaturgisch unnötig und trägt eine deutliche propagandistische Aufgabe.

Samstag, 14. April 2018

Die rote Linie ist überschritten

Wie Syrien unter Vorwand der Humanität zerstört wird

Raketenangriff vom 14.04.2018

© AP PHOTO / HASSAN AMMAR

Raketenangriff


In der Nacht des 14.04.2018 haben die Streitkräfte der westlichen Koalition unter Beteiligung der USA, Großbritanniens und Frankreichs einen Raketenangriff gegen mehrere Objekte in Syrien durchgeführt.

Nach Angaben des russischen Generalstabs wurden:
4 Raketen auf den Flugplatz in Djuvali abgefeuert, alle 4 wurden abgefangen,
12 Raketen auf den Flugplatz Dumair, alle 12 abgefangen,
18 Raketen auf den Flugplatz Blay, alle 18 abgefangen,
12 Raketen auf den Flugplatz Shayrat, alle 12 abgefangen,
9 Raketen auf den stillgelegten Flugplatz Mezze, 5 wurden abgefangen,
16 Raketen auf den Flugplatz in Homs, 13 abgefangen,
30 Raketen auf die Gebiete von Barzeh und Jaramana, 7 wurden abgefangen.

Die Angriffe wurden in Gebieten außerhalb der Wirkungszonen der russischen Raketenabwehr ausgeführt um die Gefahr einer Konfrontation mit Russland zu minimieren. Somit hat die Raketenabwehr der syrischen Regierungsstreitkräfte gute Effektivität gezeigt, soweit man sich auf die Angaben des russischen Militärs verlassen kann. 
Nach heutigen Informationen gab es keine Toten, drei Menschen wurden verletzt.
© SPUTNIK / PAVEL LISITSYN

Hintergründe


Die Raketenangriffe erfolgten als Reaktion auf Informationen über einen Mutmaßlichen Chlorgasangriff seitens der syrischen Regierung. Die Meldung stammte von der Organisation Weißhelme, einer syrischen Zivilschutzorganisation mit Sitz in Großbritannien. 
Als Beleg wurden Videoaufnahmen vorgelegt, auf denen zu sehen ist, wie die Mitglieder der Weißhelme Menschen, die mutmaßlich mit Giftgas kontaminiert wurden, aus Schläuchen mit Wasser abduschen.  

Während der US-Präsident Donald Trump per Twitter einen Raketenangriff als Reaktion ankündigte, war die Beteiligung Großbritanniens und Frankreichs etwas überraschend. Diesen Entschluss fassten Premierministerin Theresa May und Präsident Emmanuel Macron ohne die Zustimmung der Parlamente ihrer Länder.

Der Zeitpunkt für diesen Angriff wirft wichtige Fragen auf. Denn heute, am Samstag, dem 14.04.2018 sollten Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) ihre Arbeit in der Untersuchung des vermeintlichen Giftgasangriffes in Ost-Ghouta vom 7. April aufnehmen, bei dem mindestens 42 Menschen nach Angaben der Tageschschau getötet worden sein sollen. 
Als sofortige Reaktion folgte ein Raketenangriff aus dem Luftraum des Libanon, den vermutlich Israel zu verantworten hat.

Etwa einen Monat zuvor eröffnete der russische Generalstab in Syrien, dass man über Informationen verfüge, dass eine Provokation unter Einsatz chemischer Kampfstoffe seitens der Rebellen geplant wird.


Motive


Der Einsatz chemischer Waffen seitens der syrischen Regierung zu diesem Zeitpunkt entzieht sich jeglicher Logik. Das Gebiet um Ost-Ghotua wurde bereits zu 95% zurückerobert und wissend um die Konsequenzen war ein Chemiewaffeneinsatz durch die syrische Armee nicht im Interesse der Regierung Assad. Diese Einschätzungen bestätigten unter anderem der Vorsitzende der Deutsch-Arabischen-Gesellschaft Dr. Michael Lüders und der Leiter des Zentrums für Forschung der Arabischen Welt (Uni Mainz) Prof. Günter Meyer.
Es ist zu erwähnen, dass beim Chemiewaffenangriff vom April 2017, der mit einem Angriff durch 59 Tomahawk Marschflugkörper der USA auf den Flugplatz asch-Schairat vergolten wurde, bei dem syrische Soldaten getötet wurden, nicht zweifelsfrei festgestellt worden konnte, wer für diesen Angriff verantwortlich war. 
Herr Prof. Günter Meyer geht hier weiter, und legt nahe, dass diese Chemiewaffenangriffe inszeniert wurden und als Operationen unter falscher Flagge durchgeführt worden waren um die Verantwortung Präsident Baschar al Assad zuzuschreiben und diesen als ilegitim darzustellen. Das erklärte er in der Phoenix-Runde vom 12.04.2018.

Syrien ist im Oktober 2013 unter diplomatischen Bemühungen der USA und Russlands dem Chemiewaffenabkommen beigetreten infolgedessen 1000 Tonnen Chemisches Arsenal durch die OPCW vernichtet wurden.


Sachlage


Ein solcher Militärschlag ohne vorherige Untersuchung und Vorlage unwiderlegbarer Beweise stellt einen massiven Bruch des internationalen Völkerrechts dar. Dabei wird Argumentiert, dass dies aus humanitären Gründen notwendig sei. 
Zudem wurden die Angriffe nach Angaben der Koalition gegen Objekte zur Produktion von Chemiewaffen durchgeführt, was aber eine erhöhte Gefahr der Kontamination der umliegenden Gebiete darstellen kann.

Man muss nicht sehr weit zurückblicken, um sich zu erinnern, wie Colin Powell medienwirksam vor den Vereinten Nationen ein Reagenzglas mit weißem Pulver präsentierte. 2003 überfielen die USA und Großbritannien den Irak. Die Basis bestand aus, wie wir heute wissen, nachweislich gefälschten Beweisen. Als Folge dessen entstand in der Region ein Machtvakuum, dass den Aufstieg des Islamischen Staates ermöglichte und den Terrorismus in Europa beflügelte.
In der Gegenwärtigen Situation wird lediglich auf Videos aus sozialen Medien und zweifelhaften Quellen, wie auch die bereits erwähnten "Weißhelme" verwiesen und ohne Prüfung zugeschlagen.

Ebenso basiert der heute vom französischen Verteidigungsministerium veröffentliche Geheimbericht auf Bildern aus sozialen Netzwerken und Medien.


Die Bundesregierung und Folgen


Bundeskanzlerin Merkel hat den Angriff auf Syrien als erforderlich und angemessen bewertet.  Der Standpunkt der Bundesregierung ist besonders erschreckend, wenn man bedenkt, dass sie nach eigenen Aussagen das Völkerrecht und die Rechtsstaatlichkeit achtet und verteidigt.
Es liegt nahe, dass die Bevölkerung Syriens und ihr Recht auf Frieden und Leben in diesem Krieg lange keine Rolle mehr spielt, sondern die geostrategischen Interessen der Großmächte und Europas.
Es scheint aber der Bundesregierung schwer zu fallen sich festzulegen, welche Interessen sie selbst verfolgt und wie diese mit unseren Werten vereinbar sind.

Es bleibt außerdem noch offen, wie dieser Akt der Gewalt mit dem skandalösen Fall "Skripal" und der europäischen Solidarität politisch zusammenhängt.

Die Situation in der Welt ist heute so angespannt, wie vermutlich noch nie. Es bleibt abzuwarten wie und ob Russland als Verbündeter Syriens auf dieses Destruktivite Vorgehen des Westens reagiert. Eine UN-Versammlung wurde bereits einberufen, wie die Erfahrung der letzten Jahre aber zeigt gibt es wenig Hoffnung, dass auf diesen Kanälen Lösungen entstehen.

Quelle: Reuters

Montag, 7. November 2016

Wie demokratisch ist die „Mutter der modernen Demokratie“ noch?


Der US-Wahlkampf befindet sich nun auf der Zielgeraden. Wenige Stunden trennen uns und insbesondere die US-Bürger vor dem vermutlich wichtigsten Ereignis dieses Jahres. Wenngleich es noch etwas dauern wird bis wir tatsächlich erfahren werden, wer der neue Präsident der Weltmacht USA sein wird.

Dieser Wahlkampf hat allerdings vermutlich mehr als jeder andere bisher für Schlagzeilen gesorgt. Die endgültigen Kandidaten sind sehr unterschiedlich, polarisieren beide gleichermaßen und gelten bei den meisten nicht als eine gute Wahl. Über die gesamte Distanz bestand die Strategie beider Kandidaten offensichtlich im Kern nur daraus den Opponenten zu diskreditieren. Eine Auseinandersetzung mit tatsächlichen politischen Problemen und wegweisenden Programmen ließen sich vermissen.  Auch wenn der Wahlkampf in den USA schon immer eine große Show mit Unterhaltungswert war, sah man diesmal eine einzige filmreife politische Schlammschlacht.


Die Kosten


Erschreckend sind die Kosten, die ein Wahlkampf in den Vereinigten Staaten verschlingt. Diese belaufen sich aktuell schätzungsweise auf 5 bis 6 Milliarden US-Dollar. Allein die Wahlkampfspenden der diesjährigen Topkandidaten betragen 497.808.791 $ für Hilary Clinton und 247.541.449 $ für Donald Trump (Angaben statista.com, Stand 04.11.2016). Im Vergleich dazu kostet der gesamte Wahlkampf in Deutschland etwa 150Mio €.
Zwar ist das Prozedere des Spendens reglementiert, jeder Amerikaner darf maximal 2500€ an einen Kandidaten Spenden, doch gibt es sogenannte SuperPACs, Vereine, die unbegrenzte Summen annehmen dürfen. Diese organisieren beispielsweise Werbung für einen Kandidaten, dürfen jedoch offiziell nicht in einem direkten Kontakt zum Wahlkampfbüro des Kandidaten stehen, den sie unterstützen.  Dabei gibt es Einzelspenden in Millionenhöhe. Es stellt sich zwangsläufig die Frage, wie unabhängig wird die Politik des gewählten Kandidaten sein, wenn solche Finanzmittel notwendig sind, um sich im Rennen um die Präsidentschaftswahl zu behaupten?


Das System


Ein weiteres Problem ist das recht komplexe Wahlsystem in den USA. Einzigartig ist das Verfahren bei dem ein Wahlmännergremium den Präsidenten wählt. Die Wahlmänner werden bei den Wahlen am 08. November gewählt, nicht der Präsident. Erst 41 Tage später wird das Gremium den Präsidenten wählen. Dabei gilt in 48 Bundesstaaten das „Winner-takes-it-all-Prinzip“. Es hat zur Folge, dass   sämtliche Wahlmännerstimmen an den Kandidaten mit der Mehrheit der Stimmen geht. Es kann also passieren, dass der Kandidat zum Präsidenten gewählt wird, der nicht die Mehrheit in der Bevölkerung hatte. Bei einem System mit de facto zwei  Kandidaten, kann also derjenige gewinnen, den die Mehrheit im Volk weniger gern als den Vertreter seines Landes gesehen hätte.



Einfluss der Wenigen

Seit vielen Jahren zeichnet sich in den USA immer mehr das Bild ab, dass lediglich gewisse finanzstarke Interessensgruppen über Einfluss verfügen, der immer weiter zunimmt. Signifikant dafür ist, dass etwa die Hälfte der Abgeordneten aus Multimillionären bestehen. Das repräsentiert keineswegs die US-Bevölkerung. Die Gründe dafür liegen eindeutig im System. Eine gute Bildung zu erhalten ist oftmals nur Kindern aus reichen Familien vorbehalten. Finanzielle Grundlagen und ein starkes Netzwerk sind mehr wert als Fleiß und Visionen. Die soziale Durchlässigkeit nach oben ist in diesem Stadium des Kapitalismus mehr als begrenzt. Nur einzelne von Millionen können diese Barriere durchbrechen. Der ursprüngliche „Amerikanische Traum“ ist mittlerweile tatsächlich nur ein Traum einer fernen Zeit.
Weiter ist zu beobachten, dass sich mittlerweile einige Familien im politischen Leben etabliert haben und Ihre Position weiter festigen. Wenn man sich die Präsidenten vergangenen Jahrzehnte und einige der Kandidaten anschaut: Bush Sr., Bill Clinton, George W. Bush, Hillary Clinton (und auch Jeb Busch, der zunächst für die Republikaner als Kandidat antrat ist bei dieser Betrachtung wichtig), erhält man den Eindruck, als seien im politischen Establishment Dynastien entstanden.




Und nun?


Auch wenn die Vereinigten Staaten von Amerika sich  immer noch als das demokratischste Land der Erde präsentieren und mehr als gern zeigen, wie es richtig geht, zeichnet sich eher das Bild einer herrschenden Oligarchie in diesem Land ab.
Angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre und eigenwilliger amerikanischer Auslegung der Demokratie, werden die USA vermutlich gemäß des „Manifest Destiny“ ihrer durch die Vorsehung auferlegten Aufgabe weiter folgen und dabei Frieden und Demokratie in die Welt exportieren.


Quellen:

Montag, 8. August 2016

Fair Game: Von der Jagd um Medaillen zur Beschneidung der Konkurrenz





Die Olympischen Sommerspiele haben nun begonnen. Allerdings haben sie diesmal einen sehr unangenehmen politischen Beigeschmack.  Die Rede ist vom russischen Dopingskandal, der in aller Munde ist und die Spiele selbst zu überschatten scheint.

Ein beachtlicher Faktor für diese Entwicklung sind die Recherchen und der Film des deutschen Sportjournalisten Hajo Seppelt. Seppelt unterstellt den Russen systematisches, staatlich verordnetes Doping ihrer Sportler. Sogar auf einen möglichen Mord eines potenziellen russischen Whistleblowers spielt er an. Die Frage lässt man offen, aber ein Eindruck bleibt (die  Russen scheinen Leute, die Ihnen nicht passen zu ermorden).


Die Indizien
 
Die russischen Sportler werden hauptsächlich durch Aussagen dreier Zeugen belastet. Der russischen Leichtathletin Julia Stepanova und ihres Ehemannes sowie des russischen Sportarztes Grigorij Rodchenkov. Dabei sind diese Zeugen höchstzweifelhaft. Julia Stepanova wurde in Russland des Dopings überführt und disqualifiziert. Erst daraufhin begann sie mit Ihren „Enthüllungen“ und floh mit ihrem Mann, einem ehemaligen Angestellten der russischen Antidopingagentur RUSADA, aus Russland. Die dritte Figur ist Grigorij Rodchenkov, ein Arzt und ehemaliger Vorsitzender des Moskauer Antidopinglabors. Rodchenkov wurde von den russischen Behörden verdächtigt seine Stellung zu persönlichem Vorteil zu missbrauchen. Ihm wurde vorgeworfen Sportler zu erpressen, um die Dopingkontrollen sauber zu überstehen.  Doch nach diesen Vorwürfen wechselte er die Seiten, begann gegen den russischen Sport öffentlich zu wettern und floh in die USA.

Wir stellen also fest, dass die Kronzeugen dieser Untersuchungen alles andere als sauber und glaubwürdig sind und persönliche Motive haben dem russischen Sport und Staat aus der Absicht einer Art Vergeltung zu schaden.

Das Medikament

Ein weiterer Punkt ist das Dopingmittel Meldonium, was definitiv ein Dopingmittel ist. Es ist ein Herzpräparat, das in Osteuropa hergestellt wird, bei gesunden Menschen leistungssteigernd wirkt und überwiegend von osteuropäischen Athleten genutzt wird. Das Problem hierbei ist nur der Zeitpunkt, zu dem es auf die Dopingliste kam. Erst im Januar 2016 wurde das Mittel verboten. Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen. Dabei weiß man nicht genau, wie lange dieses Medikament nachgewiesen werden kann. Das bedeutet, dass die Athleten, die es in Gebrauch hatten möglicherweise nach dem rechtzeitigen Absetzen trotzdem positiv getestet werden könnten.


Die Strafen

Besonders grotesk ist aber die Kollektivstrafe, die die russischen Leichtathleten traf. Dies entspricht ganz und gar nicht dem olympischen Geist. Es ist vollkommen richtig unsaubere Athleten zu sperren. Eine komplette Leichtathletikmannschaft zu sperren ist hingegen ungerecht. Es wäre durchaus möglich gewesen alle zu testen. Denn auch beim IOC sollte gelten, „im Zweifel für den Angeklagten“, solange nicht die Schuld bewiesen ist. Unter den russischen Sportlern war auch Elena Isinbaeva, die Weltrekordhalterin im Stabhochsprung, die in Ihrer gesamten Karriere nie negativ aufgefallen ist.

Auch das ständige Hinhalten, die zusätzlichen Tests und öffentlich breit getretene Skandale sind für die sauberen, zugelassenen Sportler eine zusätzliche psychische Belastung. Das Thema wird medial so behandelt, dass der Eindruck entsteht Russland sei das einzige Land mit einem Dopingproblem und, nahezu alle russischen Athleten seien gedopt. Doch das entspricht keinesfalls den Tatsachen. Das Problem bei diesen Spielen ist nun mal, dass alle Kritik sich ausschließlich gegen Russland richtet. Man diskutiert warum eine in der Vergangenheit positiv getestete russische Schwimmerin nicht auch gesperrt wurde, während beispielsweise die Teilnahme des 2013 positiv getesteten Jamaikaners und Teamkollegen des  legendären Usain Bolt, Asafa Powell nicht in Frage gestellt wird. Dabei rückt der Sport selbst in den Hintergrund.



Die Folgen

Im Großen und Ganzen scheint die Arbeit der WADA kein bisschen Objektivität erahnen. Es wirkt alles zu politisch. Die Kollektivstrafen werden weiter verhängt, nun gegen das gesamte russische Paralympische Team (endgültige Entscheidung des IPC noch ausstehend).
Die Folge dessen ist, dass der Sport selbst auf der Strecke bleibt, die Fairness sowieso. Alle Sportler werden eines fairen und ganzheitlichen Konkurrenzkampfes beraubt wenn einige der stärksten Athleten fehlen. Die Medaillen, für die die Sportler so hart arbeiten müssen werden durch die Politik entwertet.